Tapfer sein

Da sitze ich mit meiner Familie und sehe diese Szene. Ich halte sie kaum aus. Mein Herz ist plötzlich verschnürt. Ich muss aus dem Zimmer raus. Das war zu viel! Eben habe ich noch gelacht und fühlte mich gut und im nächsten Moment renne ich panisch aus dem Zimmer.

„Sei tapfer, halte es aus! So schlimm ist es nicht!“, versuche ich mich selbst zu ermahnen. Es geht nicht! Die Tränen kommen schnell. Im Badezimmer blicke ich in den Spiegel und die roten Augen starren mich an. Die Heulflecken sind ebenfalls da. Langsam atme ich tief ein und aus. Irgendwie muss ich mich doch beruhigen! Verdammt! Es ist nur ein dämlicher Bericht bei der Sendung mit der Maus gewesen. Eigentlich ist es auch überhaupt nicht schlimm. Ich weiß, wie übertrieben das gerade ist, aber kann nicht aufhören. Schluchzend sehe ich zu, wie mein Kopf rot wird. War es zu früh für so eine Szene? Meine Gedanken werden kurz unterbrochen, als ich die Arme von meinem Mann fühle. Er ist bei mir. Er ist rausgegangen, um nach mir zu schauen. Nun dreht er sich zu mir und sagt nichts, sondern nimmt mich in den Arm. Ich seh ihn an. In meinem Kopf bildet sich ein Wirrwarr aus Worten. Ich möchte ihm erklären, was los ist. Während ich es versuche, merke ich, wie sinnfrei es doch ist. Ich trauer um etwas, was ein pures Luxusproblem ist.

Dennoch kann ich für einige Minuten mich nicht weiter zusammen reißen. Ich trauer. Ich trauer um eine Entscheidung. Eine Entscheidung, die ich nicht treffen durfte. Ich trauer um ein Erlebnis, was ich niemals erleben werde. Es wird nicht jeder verstehen. Doch ich trauer. Was war passiert?

Wir waren mit unseren Mädels bei meiner Mutter. Dort läuft, anders als bei uns, stets der Fernseher. An jenem Tag kam die Sendung mit der Maus über die Entstehung des Menschen. Sie zeigten von der Befruchtung bis hin zur Geburt alles. Zunächst war alles okay. Die Frau hatte einen stets größer werdenden Bauch und fieberte der Geburt entgegen. Mir ging es gut. Anschließend konnte man das Herz des Ungeborenen hören. Mir wurde schlecht. Mein Körper verkrampfte sich. Dennoch blieb ich im Raum. Als sie jedoch zeigten, wie die Frau beim Geburtsplanungsgespräch von ihrer Traumgeburt sprach, musste ich raus. Flashbacks holten mich ein.

Wie sehr hatte ich mir die jeweiligen Geburten ausgemalt? Wie sehr wollte ich doch etwas ganz anderes erleben? Ich wollte so vieles. Man, war ich naiv! Anfangs wollte ich in einem Geburtshaus gebären. Doch dann war alles anders. Die Herztöne…Die Herztöne leiteten jeweils die Kaiserschnitte ein. Bei meiner Großen und bei meiner Kleinen.

Die beiden leben und sind gesund! Ich habe eigentlich keinen Grund zum Heulen! Und dennoch…Dennoch fühle ich, wie ich trauer. Dieses Gefühl, wie es passiert ist beide Male, ist unbeschreiblich. Ich liebe meine beiden Töchter über alles! Es ist so schön, wie sie mein Leben auf den Kopf stellen. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich traurig bin. Wenn ich baden gehe, sehe ich meine Narben. Narben, die schwierige Zeiten bedeuten. Narben, die entstanden, weil es ganz anders lief. Meine kleine Tochter wird mein letztes Kind sein. Auch, wenn ich stets nur zwei Kinder haben wollte, ist es ein Schock. Hätte ich mich aktiv für einen Kaiserschnitt eingesetzt, wäre es jetzt nicht so merkwürdig für mich. Bis kurz vor ihrer Geburt haben die Ärzte und ich an eine normale Geburt geglaubt. Dieses WIE macht mich noch immer fassungslos. Wenn es so unwahrscheinlich ist, WARUM reißt meine Gebärmutter? Wenn die Ärzte nicht wissen, was los ist, WARUM können sie mich nicht beruhigen? Seit diesem Tag kann ich keine Herztöne mehr hören. Ich fühle einen tiefen Schmerz, wenn Frauen erzählen, wie selbstbestimmt und toll ihre Geburt war. Manchmal glaube ich sogar, etwas falsch gemacht zu haben. Auch, wenn ich weiß, dass alles richtig war, fühlt es sich unglaublich falsch an.

Vor ein paar Stunden las ich einen Bericht über das HELLP-Syndrom. In dem Bericht starb das Baby leider vor der Geburt. Der Mutter riss die Leber. Ich litt ebenfalls bei meiner ersten Schwangerschaft darunter und es ging alles noch einmal gut. Meine Große war zwar sehr sehr zierlich, aber wir leben! Während ich den Bericht las, fühlte ich mich schuldig. Diese Eltern haben wirklich etwas, worüber sie trauern dürfen. Ich jammer auf sehr hohem Niveau! Meine beiden Kinder sind gesund. Ich darf nur keine Kinder mehr bekommen. Sonst bin ich auch gesund. Es ist nur eine verdammte Art und Weise, über die ich trauer. Die Art, mein Kind zu gebären. Wieso kann ich nicht endlich verstehen, dass es nicht anders ging und endlich dankbar sein, über das, was ich habe?

Als ich diese Sendung sah, wurde mir erst bewusst, wie sehr dieses Thema noch in meinem Kopf verankert ist. Klar, mache ich auch mal den einen oder anderen Scherz über meine Ruptur, mein Erlebnis. Doch scheinbar ist es meine Art, damit umzugehen. Für mich ist es einfacher, einen Witz darüber zu machen, als einzusehen, wie sehr mich das noch immer belastet.

Ich versuche, tapfer zu sein. Aber ich werde mir nicht weiterhin einreden, nicht trauern zu dürfen. Das alles aufzuschreiben, hilft mir. Eines Tages werde ich das alles verarbeitet haben. Bald nähert sich der Geburtstag meiner Kleinen. Für ihren Geburtstag möchte ich ihr ein Kleid stricken/häkeln oder nähen. Dafür muss ich ausblenden, wie traumatisch der Tag war, sondern das Positive——–> „Mein Kind ist geboren“ sehen! Wie letztes Jahr muss ich die Kurve bekommen. Damals wollte ich beinah ihren Geburtstag nicht feiern, weil ich es nicht konnte.

Nun habe ich fast noch 2 Monate Zeit, um mir Gedanken um ihr Kleid, das Essen etc. zu machen. Trotz allem liebe ich sie über alles. Sie ist mein kleiner Sonnenschein. Es ist nur so hart, an ihre Geburt zu denken. Ich möchte tapfer sein ihr zu Liebe.

In den nächsten Tagen werde ich wahrscheinlich mein aktuelles Projekt beenden und dann geht es an die Planung von ihrem Geburtstagskleid.

Ich wünsche euch einen wolligen Sonntagabend!

Liebe Grüße

Rini

2 thoughts on “Tapfer sein

  1. Ich kann es zwar verstehen aber nicht nachvollziehen.
    Ich möchte dir mal meine Lebensgeschichte erzählen.
    Bin jetzt 60 Jahre und 1981 habe ich ein 7 – Monatskind zur Welt gebracht. (Fruchtwasser verloren)
    1983 habe ich in der 24igsten Schwangerschaftswoche ein Frühchen zur Welt gebracht, das 2 Tage lebte.
    Mir wurde zu einer weiteren Schwangerschaft geraten um das erlebte besser verarbeiten zu können, was wir auch wollten.
    1985 brachte ich ein Kind mit 2000 g auf die Welt, 4 Wochen zu früh. Der Junge hat eine Geh- und Sprachbehinderung. Dies nicht genug, nach der Geburt bekam er eine Hirnhautentzündung. Bei allen Geburten kam bei mir die Nachgeburt nicht und musste unter Narkose ausgeschabt werden.
    Ich habe 4 Geschwister bei denen es nie Komplikationen gab. Ich bin aber so froh, dass wir eine solche ärztliche Versorgung haben, sonst hätte ich gar kein Kind.
    Unbekannter weise liebe Grüße

    1. Hallo Berta,

      deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ich wusste lange nicht, was ich dir schreiben sollte…deswegen antworte ich erst jetzt. Es tut mir sehr leid, dass du ein Sternenkind hast. Zudem hast du ein Kind, welches sehr viel Unterstützung benötigt. Dennoch bist du glücklich, überhaupt ein Kind zu haben. Du bist eine starke Frau. Meine Geschichte sollte nicht sagen, dass ich undankbar für meine Kinder bin. Ich liebe beide über alles. Es ging mir mehr darum, dass auch ich ein Recht darauf habe, traurig sein zu dürfen. Das habe ich mir eine Zeit lang verboten, da es mir von Außen antrainiert wurde. Ich sollte glücklich sein, dass ich Mama bin und nicht darüber trauern, dass die Geburt nicht so lief, wie gedacht. Falsch. Ich habe etwas erlebt, was ich verarbeiten muss. Dazu gehört auch die Trauer. Mir haben nach dem Beitrag viele Frauen geschrieben, die ähnliches erlebten. Jeder hat sein Päckchen zu tragen und keiner darf darüber entscheiden, was „traurig“ ist und was nicht. Ich wünsche dir und deinem Sohn alles Gute und liebe Grüße. Rini

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